Der erwachsene Patient

Das Verhältnis der Kunden zu den Aerzten hat sich in den letzten dreissig Jahren entschieden gewandelt. Wenn früher die Aerzte Götter in Weiss waren, die man bewundert und verehrt hat und denen man niemals widersprochen hätte, so müssen sich diese heute einer neuen Realität anpassen. Es gibt internet, und es wird benutzt. Die Leute informieren sich. Sie mögen vielleicht oft falsch liegen, doch sie sind kritisch und vorsichtig und lassen sich keinen Bären aufbinden. Nun, natürlich kann das ganze auch in die Hosen gehen, wie damals, als ich einen Arzt suchte, der mich gegen Gelbfieber impfen würde. In der Schweiz kann das nur ein Tropenarzt, ein normaler darf das nicht, er kann den Impfstoff nicht mal bestellen. Ich also zum Tropenarzt, weil ich gelesen habe, nördlich von Namibia gäbe es Gelbfiebergefahr. Ich bekam die Impfung nicht. Bei der Konsultation sagte mir der Tropenarzt, mit „nördlich“ sei nicht Botswana oder Sambia gemeint, obwohl das auch nördlich liegt, sondern Sudan und so, also nördlich, aber nicht grad unmittelbar angrenzend. Da ich nicht in eine Gefahrenzone ging, bekam ich sie wie gesagt nicht. Ich hätte aber insistieren können oder auch lügen können, z.B. behaupten, dass ich nächstes Jahr nach Panama gehe.
Egal, die Impfung war auch sehr teuer, und auf Vorrat impfen ist wirklich doof.
Nun habe ich seit einem Jahr meine Borreliose mit drei Wochen Antibiotikatherapie bekämpft. Seit einigen Tagen aber tun mir sämtliche Gelenke weh, vor allem die Fingergelenke, die Hand- und Schultergelenke. Da fiel mir ein, dass mir eine Aertzin vom Blutspendedienst sagte, nach der Therapie müsse man unbedingt testen, ob die Bakterien verschwunden sind, und das macht man mit einem Titer. Da wird im Serum die Anzahl Antikörper bestimmt.
Ich also im internet unter Borreliose nachgesehen, und genau, Symptome dieser idiotischen Krankheit sind die beschriebenen Gelenkschmerzen, die sich wie Gicht oder Arthrose anfühlen (was ist der Unterschied zwischen Gicht und Arthrose? Egal). Ich also die nächste Arztpraxis kontaktiert und gefragt, ob ich zur Blutentnahme vorbeikommen dürfte, ich kann ja selber als Privatperson keinen Laborauftrag geben.
Ja, das ginge schon, beschied man mir, aber ich müsse kurz beim Arzt vorbeischauen. Genau das wollte ich nicht! Wieso muss ich immer dem Arzt die Hand schütteln, auch wenn ich keine einzige Frage habe, ich will nur als erwachsene Person meinen Titer bestimmen lassen, ich zahle die Laboruntersuchung ja selber! Wenn ich einen Arzt sehe, kostet das sofort mehrere Hundert Franken, und die zahle ich bei meinem grossen Selbstbehalt nämlich selber. Aber nein, das ist einfach ein Reflex bei den blöden Assistentinnen. Wer vorbei kommt, muss auch beim Arzt einen Termin wahrnehmen (und dann entsprechend fakturiert werden). All diese Schlaumeier, die sich ein Stück vom riesigen Gesundheitskuchen abschneiden wollen, die erhöhen unsere Kosten sinnlos. Es ist eine Frechheit, wenn mir eine Leistung aufgezwungen wird, die ich gar nicht will. Jetzt lasse ich halt meine Borreliose in mir wüten, wenn es denn das ist.
In einem Artikel in der Zeitung bringt der folgende Satz alles auf einen Punkt: "Keine berner Lebern für Zürcher". Hier wird nämlich schonungslos aufgezeigt, dass es den meisten Kliniken und Aertzen nicht primär ums Patientenwohl geht, sondern um Quoten (wieviele Transplantationen im Jahr, wie bedeutend sind wir, etc) und Prestige.
Wir können diese Haltung gern weiterführen: Schwule möchten nicht für Frauen spenden, Weisse nicht für Schwarze, ältere Leute nicht für Drogensüchtige, und so weiter. Für die persönliche Ausschlussliste braucht es dann eventuell ziemlich viel Platz auf der Spendekarte, hoffentlich wird das berücksichtigt.
Was ich vermisse, ist die öffentliche Debatte über Sinn und Unsinn einer Transplantation, die nota bene die Allgemeinheit bezahlt und die nicht gerade billig ist. Soll man jetzt einem Alkoholiker eine neue Leber bezahlen? Wie sinnvoll ist es denn, wenn ein über 80 jähriger noch ein neues Herz bekommt, nur weil er ein super urgent case ist, aber eventuell im nächsten Jahr sowieso stirbt?
Und überhaupt, ich verstehe das ganze Theater um den Organhandel nicht. Vor kurzem wurde ich als Blutspenderin abgelehnt, weil ich vor fünf Monaten Antibiotika nehmen musste. Dabei wird Blut bei Operationen oft literweise "verschwendet", d.h. oben rein und unten wieder raus. Aber wenn ich morgen als betrunkene Motorradfahrerin verunglücke, dann sind meine Leber und Nieren plötzlich wertvoll genug, 10 Jahre in einem anderen Menschen weiterzuleben?
Wer der breiten Bevölkerung einen Spendenausweis verkaufen will, muss sich schon ein bisschen mehr anstrengen, finde ich.

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Zuletzt aktualisiert: 13. Feb, 23:05

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