Der Horror der Cosa Nostra

In den Ferien hatte ich Gelegenheit, ein Buch von John Dickie zu lesen, welches minutös die Geschichte der sizilanischen Mafia (leider nur der aus Sizilien) nacherzählte. Es war erschütternd, frustrierend, traurig, aber gut geschrieben. Gemäss Dickie kann eine Mafia nur existieren, wenn der Staat zu schwach ist, sich durchzusetzen. Dies war in Italien stets der Fall, es ist immer noch so. Ferner ist es für die Mafia lebenswichtig, dass sie sich in die Politik einbringen kann, ebenfalls passiert in Italien und immer noch so.
Schlimm war der Anfang: Er erzählt von einer Geschichte eines Soldaten, der zufälligerweise in einem Dorf in Sizilien halt macht mit seiner Truppe und um Wasser bitten will, er wird Zeuge eines grausamen Zwischenfalls: er kommt just in dem Moment in die Scheune, als die Mittelsmänner zwischen den Landeignern und den Bauern die Ernte aufteilen. Für den Bauern fiel so wenig von der Ernte ab, dass er in Tränen ausbrach, als er an seine Familie dachte. Der Lohn für ein Jahr harte Arbeit reichte nicht zum Leben. Ich brach auch in Tränen aus, als ich das las. Es war so empörend.
Also die Mafia hat seit jeder den kleinen Bürger ausgenutzt und im Prinzip beraubt. Sie konnte sich stets mit Waffengewalt durchsetzen und die Leute in Angst versetzen, verständlicherweise! Hunderte wurden erschossen, nicht immer waren die "richtigen" dabei. Der Staat hat der Mafia immer die Erlaubnis gegeben, Waffen zu tragen. Es gab aber schon früh einen Polizeipräfekten, der genügend Beweise zusammentrug, dass die Mafia erstens existierte und zweitens eine kriminelle Organisation war. Jedoch wurde beim folgenden Prozess alles abgestritten von den Zeugen, die Angst um ihr Leben hatten. Das war im 19. Jahrhundert (!!!) Während der Zeit von Mussolini wurde rigoros gegen die Mafia vorgegangen, weil sie sich ja nicht an die geltenden Gesetze hielt. Jedoch hat man es nicht geschafft, sie auszumerzen. Sie hat sich dann auch in den USA ziemlich breit gemacht, der Heroinhandel nach dem Alkoholhandel während der Prohibition war eine sehr willkommene Einkommensquelle.
Als man endlich griffigere Gesetze in Italien verabschiedete, konnten einige Mafioso, die bereits in Haft waren, auch verurteilt werden. Aber das Unglaubliche für mich war: erstens, warum gerade in Italien? Warum wurde die Existenz so lange geleugnet? Und warum tat niemand etwas dagegen, wenn doch das gesamte Volk dabei ausgebeutet wurde?
Zu der ersten Frage antwortet Dickie wie bereits beschrieben: Ein schwacher Staat ist Voraussetzung, aber dann gilt das auch für die USA? Das hat er nicht beantwortet.
Zu der zweiten Frage: Alle Politiker haben profitiert, ausser denjenigen, die dagegen waren und konsequent ermordet oder zumindest eingeschüchtert wurden.
Dritte Frage: Konnte mir das Buch nicht beantworten, der Bürger hat anscheinend aufgegeben, resigniert. Was für ein schreckliches Land!
Als ich letzthin einen Artikel las über einen Italienkorrespondenten, der das Land verlassen musste, dachte ich ganz anders. Er schrieb über die Italiener als liebenswerte Staatsverweigerer. Ich seh das ein bisschen anders. Wenn also ein Volk sich das nicht bieten lassen will, dann hat es in einer Demokratie die Möglichkeit, etwas zu ändern. Wenn das nicht passiert, dann muss man fast sagen, selber schuld! Ich sehe jedenfalls Italien nicht in diesem verklärten Licht wie dieser Journalist.....
Es tut mir trotzdem leid für die, die sich nicht wehren können, auch heute noch nicht.... Ich würde aus Sizilien auswandern. Ist doch eh zu heiss dort im Sommer.

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