Kindererziehung, Privatsache

Im Februar 07 hat jemand einen meines Erachtens idiotischen Leserbrief geschrieben. Er schrieb, dass er nicht verstehen könne, weshalb denn für jede noch so einfache Tätigkeit heutzutage ein Diplom nötig ist, aber nicht für die heikelste aller Tätigkeiten, nämlich die Kindererziehung. Dieser Mensch monierte, dass bei uns jeder Kinder in die Welt setzen darf nach Lust und Laune, ohne nachzuweisen, ob er oder sie fähig sind, diese dann auch richtig aufzuziehen. Es ging hier um einen Kommentar zu einem Artikel über Jugendgewalt, die anscheinend zunimmt bei uns (und zwar untereinander).

Zu dem Bruns ist folgendes zu sagen
1) es ist richtig, wenn für eine Tätigkeit, die erwerbsmässig ausgeübt wird, ein gewisses Fähigkeitszeugnis verlangt wird. Damit wird ein gewisser Standard garantiert, der ja schlussendlich auch dem Kunden zugute kommt. Wenn ich als Büromensch nebenher noch Haare schneiden und Wände streichen würde und dafür Geld verlangte, dann glaub ich nicht, dass dabei etwas Anständiges herauskommt. Diese beiden Tätigkeiten habe ich nämlich weder gelernt, noch habe ich darin Uebung.
2) Kinder aufziehen ist eben genau keine erwerbsmässige Tätigkeit, sondern zumindest in unseren Breitengraden eine sehr idealistische Sache. Man bekommt keine Kinder, weil man sich einen Ertrag daraus erhofft, sondern aus Freude und weil man Illusionen hat, dass man dabei selber einen emotionalen Mehrwert erhält.
3) Es gibt bei der Kindererziehung kein Richtig und Falsch. Erstens ist jedes Kind anders, zweitens hat jeder Elternteil einen Rucksack dabei mit eigenen Erfahrungen, Gefühlen, Erinnerungen, Fähigkeiten, Werten, etc. Soviel zum Thema "Kinder richtig aufziehen".

Wenn es tatsächlich eine solche Eignungsprüfung gäbe (was passiert mit denen, die nicht bestehen??? Will man die sterilisieren?), dann ginge es doch um die konservativen Werte unserer "Elite", und eine solche Prüfung wäre eine Katastrophe und das Ende einer Demokratie. Ich stelle mir bereits vor, wie zum Beispiel die folgende Frage zu beantworten wäre
- Ihr Kind ist in der Pubertät und gehorcht Ihnen nicht. Sie müssen feststellen, dass Ihr Kind Sie anlügt. Wie reagieren Sie? Bitte kreuzen Sie an
a) ich wende mich frustriert von meinem Kind ab und dem jüngeren, pflegeleichteren Kind zu
b) ich gebe dem Kind spontan eine Ohrfeige (hat mir damals auch nicht geschadet)
c) ich schneide das Kind zur Strafe und kürze das Taschengeld
d) ich setze mich mit meinem Kind auseinander und lasse mich auf endlose Gespräche ein, um herauszufinden, weshalb mein Kind so frech zu mir ist

Natürlich würde unser Leserbriefschreiber b) bevorzugen, allenfalls noch d)
Jedenfalls muss es sich um einen leicht senilen Typ handeln, denn seine eigene Jugend liegt offenbar lange zurück. Ansonsten würde er sich nämlich daran erinnernt, dass es auch schon damals "Jugendgewalt" gab, das gehört nämlich zur Entwicklung. Ich behaupte, Jugendliche haben schon immer untereinander gestritten und sind auch schon immer mit Gewalt aufeinander los. Sogar wir Mädchen haben genau gewusst, wie wir anderen viel Leid zufügen konnten, indem wir gewisse Schulkameradinnen von der Gemeinschaft ausgeschlossen haben und in der Gruppe fertiggemacht haben. Es bedurfte nicht der Fäuste, um jemanden zum Weinen zu bringen! Ein Höhepunkt war, als die gesamte Klasse sich um einem Kameraden versammelte und ihn befragte, weshalb er keine eigenen Haare hätte und eine (gut sichtbare) Perrücke trage? Natürlich hat der arme Tropf nur geweint. Ja, wir waren gemein. Wir haben zwar keine Handys gehabt, die wir den Kollegen abnehmen konnten, aber grausam waren wir auch. Das gehört leider zu unserem (menschlichen) Naturell, und das wird keine Erziehung in der Welt ausrotten können.
¨
Ich bin jedenfalls froh, dass jeder, der Lust hat, einfach ein Kind auf die Welt stellen darf. Genau so werden nämlich auch die interessanten, weil unangepassten Menschen auf dieser Welt grossgezogen!

Das Thema weicht nicht aus den Medien. Da jeder mal ein Kind war und überdies viele Leute Kinder haben, hat jeder das Gefühl, mitschwatzen zu können. Nun gut, kann er/sie eigentlich auch, wir leben ja in einem freien Land, hier darf man seine Meinung äussern, wenn sie nicht gerade die Grenzen des Rassismus überschreitet.
Es geht einerseits darum, ob Kindern vor zwölf Jahren zwei oder gar drei Fremdsprachen zugemutet werden können. Viele Leute haben Angst, dass ihre Kinder überfordert werden und den Anschluss verpassen. Dabei wird das Hochdeutsche in der Schweiz schon als erste Fremdsprache gezählt. Also ich war in einer zweisprachigen Schule, wir hatten von der ersten Klasse an Unterricht in zwei Sprachen, ab zehn Jahren kam Englisch hinzu, leider ab zwölf noch Latein. Wieviel Sprachen hatte ich im Alter von zwölf? Es war jedenfalls weder für mich noch meine Klassenkameraden weder ein Problem noch ein Thema. Es ist wohl auch hierzulande vor allem für die Eltern ein Thema, weniger für die Kinder.
Dann geht es auch immer wieder darum, ob Kinderkrippe gut tut oder schädlich ist. Wenn man einen Blick in den Norden Europas riskiert, würde man meinen, Krippenkindern geht es sehr gut, sie sind auch besser in der Schule als unser Durchschnitt. Wenn man konservativen Kräften zuhört, meint man, die Krippe sei die reinste Folter. Jene Kreise vergessen gern, dass das klassische Hausfrauen- und Mutterschema noch nicht lang existiert. Vor nicht mal hundert Jahren konnten sich nur die wenigsten Frauen leisten, nicht zu arbeiten. Diese leisteten sich aber Kindermädchen. Und die anderen mussten arbeiten gehen, die Kinder mussten flexibel sein. Und trotzdem hat es reife, selbstsichere Menschen daraus gegeben, wenn auch nicht alle. Wenn heute Leute erzählen, man sollte keine Kinder haben, wenn man sich nicht 100%ig um sie kümmern könne, vergessen, wie die Natur das vorgesehen hat: Kinder sind ein Teil des Lebens der Eltern, keineswegs der Mittelpunkt. Die Eltern gingen aufs Feld, die Kinder kamen mit und mussten warten. Säuglinge wurden abgelegt und mussten ebenfalls warten. Diese haben gemäss gewissen Theorien nur deshalb eine so laute Stimme, damit sie ihre Mütter im hohen Gras wiederfanden.
Wir sind schon recht verkorkst unterdessen. Ich wäre einfach froh, wenn die kinderliebenden Weltverbesserer das mal zugeben würden.
P.S. übrigens sind die konservativen Familienliebhaber gegen eine einheitliche Kinderzulage in der Schweiz. Die Unterschiede seien regional bedingt und historisch gewachsen und deshalb gerechtfertigt; die Wirtschaft könne zusätzliche Zulagen nicht tragen. Ich hab aber noch nie davon gehört, dass die Preise der Lebensmittel pro Region variieren. In anderen Worten: Die Familie, schützenswerte und erstrebenswerteste Lebensform, soll sich gefälligst selber unterhalten, staatliche Unterstützung ist nicht notwendig. Bravo

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