Donnerstag, 22. Mai 2008

Die Leiden, die auszuhalten sind

Der Mensch ist extrem leidensfähig, das hatte ich schon einige Male kommentiert. Ich konnte es nicht fassen, was z.B. die Frau erleiden konnte, die letzthin im Keller gefunden wurde. Sie hatte ohne Hoffnung anscheinend 24 Jahre lang dort unten zugebracht, nur unterbrochen von Besuchen ihres Vaters, die oft mit Vergewaltigung einhergingen, dann noch in Gegenwart der Kinder? Wie kann ein Mensch so eine seelische Qual aushalten? Und ich klage über Winterdepression, wenn ich im Winter nicht mehr als eine Stunde Sonnenlicht erhalte! Diese Frau hatte offenbar 24 Jahre lang nur künstliches Licht. Ich dachte, der Mensch geht da einfach ein.
Und nun eine Buchbesprechung in der Zeitung über einen kolumbianischen Botschafter, der von der Farc entführt worden war und sich jahrelang in deren Händen befand. Er traf nach über einem Jahr Ingrid Betancourt, die wohl berühmteste Geisel der Farc. Sie konnten einmal gemeinsam fliehen. Aber sie hielten nicht durch, der Hunger zwang sie, sich zu ergeben. Zur Strafe wurden sie barfuss ein Jahr lang an einen Baum gefesselt und durften nicht mehr miteinander reden. EIN JAHR!!!!!!!!! Das ist doch immens, unvollstellbar! Entschuldigung, wie geht das, wie hält man das aus? Und ich werde schon ungeduldig, wenn mein Zug zehn Minuten verspätet ist.
Ich kann mir das alles nicht vorstellen. Es gibt noch andere Leiden, die ich mir nicht vorstellen kann, geschweige denn, dass ich sie aushalten würde. z.B. die Arbeitszeiten vieler Chinesinnen, die das "Wirtschaftswunder" in China möglich machen. Das Leben in kompletter Armut in vielen Teilen der Welt, z.B. in Ruanda, im Sudan, in Aethiopien oder gar im Gazastreifen. Wie hält man das aus? Es ist mir wirklich ein Rätsel.
Tatsache ist jedenfalls, wenn der Mensch nicht so leidensfähig wäre, wenn er einfach wegstürbe, statt Qualen auszuhalten, dann wäre der Mensch auch nicht erpressbar. Die Geschichte wäre anders verlaufen, und die Welt sähe anders aus. Ich wünschte mir ehrlich gesagt, es wäre so. Ich wünschte ferner, dass auch Tiere einfach sterben könnten, wenn es ihnen zu schlecht geht (ich denke da an die vielen schlecht gehaltenen Haustiere).
Und hier bei uns machen so viele Leute Selbstmord, weil sie an viel "weniger schlimmeren" Situationen zerbrechen. Nun, natürlich ist das relativ, aber manche Leute halten es schon nicht mehr aus im Leben, wenn sie von jemandem verlassen wurden, und andere halten solche Martyrien aus. Es ist einfach unglaublich. Jedenfalls hat mich das mit dem Baum umgehauen. Das hätte ich ganz bestimmt nicht ertragen. Diese Langeweile!

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