Sonntag, 30. März 2008

Vernunftehen sind erstrebenswert?

Ein Artikel in der letzten Sonntagszeitung hat einige Leserbriefe ausgelöst. Es ging darum, dass die Autorin meinte, Frauen seien zu wählerisch und sie sollten eigentlich den erstbesten heiraten, wenn dieser Mann brav den Müll rausstellt und lieb zu Kindern ist. Die Autorin meint, eine Vernunftehe sei gar keine so schlechte Alternative, vor allem, wenn man Kinder will. Es sei nicht so schlimm, wenn man keinen Sex habe, das gäbe es ja häufig. Hauptsache, man sei versorgt und umsorgt, und den Kindern gehe es gut. Wenn man aber zu wählerisch ist, immer darauf hofft, dass der perfekte Mann ins Leben tritt und einen dann heiratet und so, dann könne man alt und grau werden und ledig bleiben. Die Autorin meint auch, die Frauen, die über 40 seien, wünschten sich nichts lieber als einen Mann und ein Kind, und diejenigen, die das negieren, die lügen. Am wichtigsten sei Frauen in diesem Alter, dass sie nicht alleine seien, und trotzdem gäbe es viele Frauen, denen genau das passiert ist, weil sie eben nicht den erstbesten heirateten (entgegen den Ratschlägen der eigenen Mutter!!!). Ein Mann sei so gut wie der andere, wenn er etwas „tauge“ im Haushalt und zuverlässig sei. Darum solle man den ersten nehmen, der sich diesbezüglich bewähre. Es komme meist nichts besseres hinterher. Fehler solle man nachsehen, z.B. wenn der Mann gerne seinen ganzen Sonntag vor dem Fernseher verbringe oder was weiss ich was für unsoziale Verhaltensweisen an den Tag legt. Wenn man ihren Rat nicht beherzige, dann werde man frustriert und einsam und eben kinderlos alt werden.
Na ja.
Was sagt nun die moderne Frau zu so einem Artikel? Erstmal die anderen Leser zu Wort kommen lassen: Ein Mann meinte, die Autorin hätte total recht, auch er hätte das Gefühl, dass Frauen unter 30 allzu hohe Ansprüche haben, die niemand erfüllen könne, und wenn sie merken, dass die Ansprüche also unerfüllbar sind, dann ist es zu spät, denn dann hat die Alterskeule zugeschlagen und die Zeit arbeitet gegen die Frauen (Männer können noch spät Kinder zeugen und sind noch lange attraktiv für junge Frauen – so meint der Leserbriefschreiber).
Ein anderer Mann schreibt, dass man in diesem Falle viel Zeit darauf verschwendet, Probleme zu lösen, die man nicht hätte, wenn man allein bleiben würde.
Eine Frau meint, dass es nun offenbar sei, dass die Vernunftehe so dumm nicht sei und dass es früher normal war, so eine einzugehen, also keine schlechte Wahl.
Eine andere Frau meinte, sie sei immer davon ausgegangen, dass Männer mehr seien als nur gutfunktionierende Haushaltgeräte.
Der Horror. Wie soll ich tagaus, tagein mit einer Person zusammensein, die mich langweilt, die mir nichts zu sagen hat, die mich nicht weiterbringt, mit der ich nicht intim sein will? Das ist vielleicht eine gute Zweckgemeinschaft, wenn man wirtschaftlich darauf angewiesen ist, mit Lebensqualität hat das nichts zu tun. Vielleicht sind wir zu sehr Individualisten, dass wir uns leisten können und wollen, eine Partnerschaft zu führen, die diesen Namen verdient. Aber wir sind glaub ich nicht einfach von einer Modeströmung verwöhnt, wenn wir auch echte Zuneigung und eine tiefe Partnerschaft suchen und sonst lieber allein bleiben.
Es geht noch weiter: ist das allerseligmachende Leben also das einer Mutter? Und wieso gibt es denn so viele Scheidungen in Familien, wo also Kinder dabei sind? Wenn das mit der Vernunftsehe so schlau wäre, dann gäbe es weniger Scheidungen, denn die Leute würden zusammenbleiben. Offenbar halten sie es nicht mehr miteinander aus, und der Grund ist fehlende Liebe und Zuneigung. Mag sein, dass wir uns das heute leisten können, diese Gefühle auszuleben, und früher musste man einfach aushalten. Aber früher musste man noch viele andere unangenehme Situationen ertragen, allen voran die viele Arbeit und wenige Freizeit und knappes Geld und unkurierbare Krankheiten, etc. Früher war keineswegs alles besser, die Leute litten sicher mehr unter ihrem Los als heute. Oh nein, nur der Kinder willen einen Mann haben, den man nicht liebt, aber der ganz praktisch ist, das kann nicht die Erfüllung sein. Und ich glaub, das sehen eben alle die, die sich scheiden lassen, ebenso, denn meist ist eine Scheidung mit wirtschaftlichen Abstrichen für beide Seiten verbunden.
Also in meinen Augen ist der Artikel interessant, weil provokativ, eine erlaubte Gedankenspielerei, aber nicht mehr. Persönlich finde ich die These Schrott, dass eine Vernunftehe eine gute Lebenshaltung sei. Andererseits stimmt es, dass wir Frauen ab einem gewissen Alter nur noch schwer einen „guten“ Mann finden, der zu uns passt und den wir lieben können. Das liegt wahrscheinlich an den gestiegenen Anforderungen, das stimmt schon. Andererseits wissen wir in einem gewissen Alter sehr wohl zwischen unwichtigen äusseren Dingen und inneren Werten zu unterscheiden.
Und die Männer müssen nicht meinen, sie seien immer noch taugliche Väter, wenn sie bereits die 50 überschritten haben. Sie sind dann schon im Grossvateralter, wenn ihre Kinder das Abitur machen – toll! Manche dürfen im Alter von 70 Jahren gar nicht mehr Autofahren. Und das sind dann Vorbilder für ihre erwachsenen Kinder? Die werden sie wohl nicht mehr ernst nehmen, sondern nur noch bemitleiden.
Nein nein, auch die Männer haben ein Ablaufdatum, nicht nur wir Frauen.

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