In der gestrigen Ausgabe unserer Zeitung gab es einen langen Artikel unter obigem Titel. In diesem Artikel wirft der Autor uns Schweizern vor, dass wir einseitig informiert werden und dementsprechend einseitig immer gegen Israel Partei ergreifen. Ich habe diese Diskussionenen schon hundertmal geführt, da ich einen israelischen Arbeitskollegen habe. Ich habe nun den folgenden Leserbrief geschrieben, mal sehen, ob sie ihn nächstes Wochenende abdrucken:
Liebe Redaktion
Ich habe oben erwähnten Artikel gelesen, obwohl ich eigentlich genug gelesen habe über den Nahost Konflikt und ehrlich gesagt einfach müde bin, noch mehr darüber zu lesen.
Und ja, es stimmt, ich war noch nie dort. Ja, ich bin Tages-Anzeiger Abonenntin und es könnte sein, dass ich gegen Israel voreingenommen bin dadurch. Und ja, ich weiss, dass es nicht lustig ist, in Sderot zu leben, wo man nie weiss, ob man morgen von einer Rakete getroffen wird.
Und trotzdem erlaube ich mir eine eigene Meinung, das ist mein gutes Recht in einem Rechtstaat wie der Schweiz. Aus meiner Sicht ist Israel ein äusserst aggressives Land, das mit immer der gleichen (Gewalt-)Masche probiert, das Problem in den Griff zu kriegen, das sich daraus ergab, dass das Land nicht unbewohnt war bei der Staatsgründung. Mit Antisemitismus hat das gar nichts zu tun. Ich sehe einfach keine Fortschritte, nur Drangalisierung der palästinensischen Bevölkerung. Es kann doch nicht sein, dass den Israelis nicht mal eine bessere Idee in den Sinn kommt. Und noch etwas: Wenn Amerika nicht wäre, dann könnte es sich Israel nie und nimmer leisten, aus der Position der Stärke zu agieren. Dann wären sie schon längst gezwungen, eine für beide Seiten akzeptable Lösung zu finden.
Ich finde, um so zu denken, muss man nicht dort gewesen sein.
Ich möchte noch hinzufügen, dass Sderot ganz bestimmt nicht klagen kann. Klar werden sie täglich beschossen. Aber diese Raketen sind Nadelstiche gegen das, was die Israelis zurückschiessen. Es ist wie mit einer Handgranate auf einen Mückenstich antworten, jedenfalls unangemessen. Es kann schon sein, dass viele Zeitungen hier in Europa einseitig und gegen Israel schreiben, aber warum ist das so? Weil sich viele dazu verpflichtet fühlen, sich mit den Opfern zu verbünden. Weil die Opfer sprachlos sind, weil sie enorm und unnötig leiden. Und die Opfer sind nun mal aus Sicht der meisten Europäer nicht die Israelis. Aus dieser Sicht meinen viele, dass Israel halt selber schuld ist, dass die Palästinenser nichts zu verlieren haben.... Es muss doch noch eine andere Strategie geben. Der erste Schritt: Probieren, sich in die Lage des anderen hineinzuversetzen. Das wirkt manchmal Wunder, wenn es gelingt!
sirano - 4. Mai, 23:14
Es ist im Moment still geworden um unsere Banken, die ersten Quartale 2008 sind durch, leisertreten ist angesagt, da man ganz schön in die Scheisse gelangt hat, wie die Schweizer treffend sagen. Zuerst musste man kleine Abschreiber zugeben, danach wurden die dann immer grösser, betrugen gar im Fall der UBS zum Schluss das zehnfache des ersten Schocks (zuerst 4 Mia, jetzt 40 Mia).
Ja, macht diese Bank noch Konkurs? Alle winken ab. Gar nicht möglich, Staatsgarantie der Kundenkonten, etc. und Bla bla
Ich bin jedenfalls nur ein kleiner Fisch und nicht so reich, dass ich mir einfach so ein paar tausend Franken ans Bein schreiben kann. Also löste ich mein Sparkonto auf und transferierte es zur nächsten Grossbank. Diversifizieren des Risikos nenne ich das. Alle belächeln mich, aber das ist doch egal. Man stelle sich mal vor, was passiert, wenn die UBS DOCH pleite geht? Es wäre nicht das erste Mal, dass sich sogenannte Expertenmeinungen nicht bewahrheitet haben. Bei der Swissair hätte auch niemand jemals gedacht, dass die grounden würde. Zum Schluss ging alles schnell, die UBS hat ihr den Stecker rausgezogen, indem sie ihr kein Geld mehr gab. Es hätte viel weniger gekostet als das, was jetzt abgeschrieben werden musste, um die Swissair am Leben zu erhalten.
Aber die Gier ist stärker. Und persönliche Differenzen. Anscheinend war derjenige, der jetzt Präsident werden möchte, damals Anwalt bei der Swissair und hatte persönliche Fehden mit dem Management. Er wechselte zur Bank und "zog dann eben den Stecker raus" (seine eigenen Worte).
Alles einigermassen gut, solange niemand so tut, als seien Manager nicht menschlich, sondern übermenschlich oder zumindest überdurchschnittlich talentiert. Das Schlimmste ist, dass sie selber glauben, sie seien super und ihr Gehalt wert. Solange alles gut geht, finden sie natürlich auch, dass sie am Erfolg ihrer Firma kräftig partizipieren müssen. Sie tragen ja auch Verantwortung. Sobald etwas in die Hose geht, steht aber kaum einer hin und sagt, jawohl, ich hab Mist gebaut, ich bin schuld. Nein nein, dann hat man tausend Ausreden, zieht die Reissleine des goldenen Fallschirms und verabschiedet sich schleunigst.
Nicht die tolle Ausbildung zählt, wenn man an die Spitze eines Unternehmens will, sondern Unverfrorenheit, mit einer Portion Selbstüberschätzung und einer guten Prise Arroganz.
Wieso ist es dann erstrebenswert, eine solche Position zu erhalten? Nur wegen dem Geld und dem Geltungsbedürfnis.
Nun gut, dann sei es halt so, ändern kann man es eh nicht, und solange Brotkrumen auch für uns Normalbürger abfallen, schweigen wir und verdrehen die Augen.
Nur Bewunderung, das verdienen die Topmanager nicht. Dem können sie noch lang nachrennen. Ich wüsste nicht, wofür.
sirano - 17. Apr, 22:23
Ein Artikel in der letzten Sonntagszeitung hat einige Leserbriefe ausgelöst. Es ging darum, dass die Autorin meinte, Frauen seien zu wählerisch und sie sollten eigentlich den erstbesten heiraten, wenn dieser Mann brav den Müll rausstellt und lieb zu Kindern ist. Die Autorin meint, eine Vernunftehe sei gar keine so schlechte Alternative, vor allem, wenn man Kinder will. Es sei nicht so schlimm, wenn man keinen Sex habe, das gäbe es ja häufig. Hauptsache, man sei versorgt und umsorgt, und den Kindern gehe es gut. Wenn man aber zu wählerisch ist, immer darauf hofft, dass der perfekte Mann ins Leben tritt und einen dann heiratet und so, dann könne man alt und grau werden und ledig bleiben. Die Autorin meint auch, die Frauen, die über 40 seien, wünschten sich nichts lieber als einen Mann und ein Kind, und diejenigen, die das negieren, die lügen. Am wichtigsten sei Frauen in diesem Alter, dass sie nicht alleine seien, und trotzdem gäbe es viele Frauen, denen genau das passiert ist, weil sie eben nicht den erstbesten heirateten (entgegen den Ratschlägen der eigenen Mutter!!!). Ein Mann sei so gut wie der andere, wenn er etwas „tauge“ im Haushalt und zuverlässig sei. Darum solle man den ersten nehmen, der sich diesbezüglich bewähre. Es komme meist nichts besseres hinterher. Fehler solle man nachsehen, z.B. wenn der Mann gerne seinen ganzen Sonntag vor dem Fernseher verbringe oder was weiss ich was für unsoziale Verhaltensweisen an den Tag legt. Wenn man ihren Rat nicht beherzige, dann werde man frustriert und einsam und eben kinderlos alt werden.
Na ja.
Was sagt nun die moderne Frau zu so einem Artikel? Erstmal die anderen Leser zu Wort kommen lassen: Ein Mann meinte, die Autorin hätte total recht, auch er hätte das Gefühl, dass Frauen unter 30 allzu hohe Ansprüche haben, die niemand erfüllen könne, und wenn sie merken, dass die Ansprüche also unerfüllbar sind, dann ist es zu spät, denn dann hat die Alterskeule zugeschlagen und die Zeit arbeitet gegen die Frauen (Männer können noch spät Kinder zeugen und sind noch lange attraktiv für junge Frauen – so meint der Leserbriefschreiber).
Ein anderer Mann schreibt, dass man in diesem Falle viel Zeit darauf verschwendet, Probleme zu lösen, die man nicht hätte, wenn man allein bleiben würde.
Eine Frau meint, dass es nun offenbar sei, dass die Vernunftehe so dumm nicht sei und dass es früher normal war, so eine einzugehen, also keine schlechte Wahl.
Eine andere Frau meinte, sie sei immer davon ausgegangen, dass Männer mehr seien als nur gutfunktionierende Haushaltgeräte.
Der Horror. Wie soll ich tagaus, tagein mit einer Person zusammensein, die mich langweilt, die mir nichts zu sagen hat, die mich nicht weiterbringt, mit der ich nicht intim sein will? Das ist vielleicht eine gute Zweckgemeinschaft, wenn man wirtschaftlich darauf angewiesen ist, mit Lebensqualität hat das nichts zu tun. Vielleicht sind wir zu sehr Individualisten, dass wir uns leisten können und wollen, eine Partnerschaft zu führen, die diesen Namen verdient. Aber wir sind glaub ich nicht einfach von einer Modeströmung verwöhnt, wenn wir auch echte Zuneigung und eine tiefe Partnerschaft suchen und sonst lieber allein bleiben.
Es geht noch weiter: ist das allerseligmachende Leben also das einer Mutter? Und wieso gibt es denn so viele Scheidungen in Familien, wo also Kinder dabei sind? Wenn das mit der Vernunftsehe so schlau wäre, dann gäbe es weniger Scheidungen, denn die Leute würden zusammenbleiben. Offenbar halten sie es nicht mehr miteinander aus, und der Grund ist fehlende Liebe und Zuneigung. Mag sein, dass wir uns das heute leisten können, diese Gefühle auszuleben, und früher musste man einfach aushalten. Aber früher musste man noch viele andere unangenehme Situationen ertragen, allen voran die viele Arbeit und wenige Freizeit und knappes Geld und unkurierbare Krankheiten, etc. Früher war keineswegs alles besser, die Leute litten sicher mehr unter ihrem Los als heute. Oh nein, nur der Kinder willen einen Mann haben, den man nicht liebt, aber der ganz praktisch ist, das kann nicht die Erfüllung sein. Und ich glaub, das sehen eben alle die, die sich scheiden lassen, ebenso, denn meist ist eine Scheidung mit wirtschaftlichen Abstrichen für beide Seiten verbunden.
Also in meinen Augen ist der Artikel interessant, weil provokativ, eine erlaubte Gedankenspielerei, aber nicht mehr. Persönlich finde ich die These Schrott, dass eine Vernunftehe eine gute Lebenshaltung sei. Andererseits stimmt es, dass wir Frauen ab einem gewissen Alter nur noch schwer einen „guten“ Mann finden, der zu uns passt und den wir lieben können. Das liegt wahrscheinlich an den gestiegenen Anforderungen, das stimmt schon. Andererseits wissen wir in einem gewissen Alter sehr wohl zwischen unwichtigen äusseren Dingen und inneren Werten zu unterscheiden.
Und die Männer müssen nicht meinen, sie seien immer noch taugliche Väter, wenn sie bereits die 50 überschritten haben. Sie sind dann schon im Grossvateralter, wenn ihre Kinder das Abitur machen – toll! Manche dürfen im Alter von 70 Jahren gar nicht mehr Autofahren. Und das sind dann Vorbilder für ihre erwachsenen Kinder? Die werden sie wohl nicht mehr ernst nehmen, sondern nur noch bemitleiden.
Nein nein, auch die Männer haben ein Ablaufdatum, nicht nur wir Frauen.
sirano - 30. Mär, 23:28
Das Leben ist nicht einfach in wenig entwickelten Gegenden im Tessin. Alle möchten logischerweise am Wohlstand der Schweiz teilhaben, und dazu braucht es bekanntlich Geld.
Nun haben also die Politiker in Bern und etliche unfähige Manager ein Riesendefizit hingelegt, das letzte in einer langen Folge, wo es noch gar nie Gewinn gab.
Egal, wer nun daran schuld ist, es müssen die Arbeiter leiden, denn es werden über 100 Stellen abgebaut. Wie gehabt.
Aber die Tessiner lassen sich das nicht bieten. Ihr Pfand: die Lokomotiv-Wartegarage in Bellinzona. Die wird nun bestreikt und blockiert, so dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Ersatzteile im Rest des Landes ausgehen. Das ist sicher effizient.
Nur, sie wollen als Gegenleistung, damit sie aufhören mit Streiken, Arbeitsplatzgarantien. Sie verweisen darauf, dass in Zürich auch Schutzvorkehrungen getroffen wurden für das Personal der Swissair, als diese bankrott ging, und sie haben noch viele weitere Beispiele, die beweisen, dass sie als Randregion weniger geschützt sind und ernst genommen werden. Mag sein. Aber Arbeitsplatzgarantien? Das gibts nicht in der freien Marktwirtschaft, da müsste man schon zur Planwirtschaft zurückgreifen.
Brutal gesagt: Wer im Tessin leben will, muss in Kauf nehmen, dass er dort keine Arbeit findet, weil es halt nicht so viel hat. Ansonsten müssen wir uns ernsthaft damit beschäftigen, ob wir vielleicht dem Kommunismus beitreten wollen. Aber freie Marktwirtschaft und Arbeitsplatzgarantien, das beisst sich meiner Meinung nach. So leid es mir für die Region tut. Das Spiel heisst: Angebot regelt Nachfrage und andersrum, und es ist schon ziemlich alt.
sirano - 16. Mär, 23:34
Heute lese ich in der Zeitung, dass ein Bericht, von Deutschland, Oesterreich und der Schweiz in Auftrag gegeben, veröffentlicht wurde und weitgehend das bestätigt hat, was die als ewige Verhinderer und Nörgler verdammte Staudammgegner in allen drei Ländern immer gesagt haben, nämlich dass Leute ungerecht enteignet werden, dass die 55,000 Leute, die umsiedeln sollen, noch kein neues Land zur Verfügung haben, dass die 10,000 Jahre alte Felsenstadt zerstört werden soll, aber der Abtransport der wichtigsten Bauten noch nicht geplant ist, noch nicht mal eine Machbarkeitsstudie wurde dazu erstellt. Die versprochene Infrastruktur ist noch nicht mal in Planung, etc. Teilweise wurden die versprochenen Standards von den Verantwortlichen gar nicht verstanden.
Das Ganze ist also ein rechter Hohn, und eine gewaltige Täuschung, wenn nicht Lüge, der Türkei gegenüber den Kreditgebern. All die Auflagen, denen sie zugestimmt haben, wurden praktisch nicht erfüllt. Der Bericht beschönigt nichts, was umso erstaunlicher ist, wenn man die Auftraggeber im Blick hat.
Nun gut. Also Rückzug auf ganzer Linie? Von wegen. Bei uns in der Schweiz hat es mehrere grosse Firmen, die da grosse Geschäfte machen wollen mit dem Damm. Das Frechste an der ganzen Sache: Sie haben Risikogarantien vom Staat bekommen. Das finde ich einfach unverschämt! Wir Steuerzahlen decken schlussendlich das Risiko, dass die Türkei nachher nicht zahlt, wenn sie dann mal tatsächlich den Staudamm gebaut hat, der den Nachbarländern das Wasser abgräbt und eben einmalige historische Bauten verschwinden lässt, ganz zu schweigen von der Bevölkerung, die vertrieben wird.
Es ist ja schon schlimm genug, wenn es schweizer Firmen gibt, die in altbewährter Manier nur ans Geld denken, so wie sie das schon immer gemacht haben. Das Empörendste ist, dass der schweizer Staat dazu Garantien abgibt.
Wenn die drei oben genannten Länder jetzt nicht aussteigen, dann machen sie sich grösster moralischer Schandtaten schuldig. Und immer im Hinterkopf haben: Die Türkei möchte der EU beitreten.... mit diesem Drittwelt Level an Administration, Politik, etc.
Ich bin sehr wütend deshalb
sirano - 16. Mär, 23:22
Uns erreicht eine Meldung aus Kopenhagen, dass die Stimmung fremdenfeindlicher geworden ist. Zuerst hat man mal aus Trotz die Mohamed Karikaturen ein zweites Mal abgedruckt, sozusagen als Demonstration, was Meinungsfreiheit bedeutet. Na ja, die werden wahrscheinlich nicht besser beim zweiten Druck. Es ist natürlich schon so, dass bei uns erlaubt ist, was in anderen, vor allem muslimischen Ländern, undenkbar wäre. Aber wir rühmen uns ja auch einer fortgeschrittenen Demokratie, wollen wir uns da noch mit Saudi Arabien messen? Das ist ja wohl nicht die benchmark. Man könnte sich auch mit Respektbekundung gegenüber anderen Kulturen hervorheben statt mit provokativen Zeichnungen. Anscheinend aber hat die Chefin der drittgrössten Partei gesagt, dass Menschen islamischer Zugehörigkeit Ungeziefer seien, das ausgemerzt werden müsse. Entschuldigung, aber das geht doch viel zu weit. Wieso empört sich da nicht ganz Europa? Ein anderer Parteisprecher meint, die jugendlichen Secondos, die da Autos angezündet haben und sonst randalierten, die sollen mit elektronischen Handfesseln versehen werden. Man will darauf hinaus, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft unterschiedlich behandelt werden. Und das im Namen der Meinungsfreiheit und Demokratie. Eine wahre Katastrophe. Die Regierung hat es nicht geschafft, 5% der Ausländer in ihrem Land zu integrieren, sondern eher Rassenhass anzufachen. Und das ist eine Demokratie, ein Rechtsstaat? Das ist eher ein Rückschritt in die schlimmste Zeit des letzten Weltkrieges, wo auch mit solchen gefährlichen Sprüchen gewissen Völkervernichtungen ihren Anfang nahmen. So sehe ich das zumindest, aber ich scheine damit allein zu sein. Jedenfalls muss man aufpassen und genau hinschauen, ich hoffe, dass die EU das macht.
sirano - 24. Feb, 23:12
Ein Thema bewegt Zürich im Moment ziemlich stark auf der emotionalen Seite (abgesehen vom Milliardenabschreiber der UBS), und das ist der Prozess, der gerade zu Ende ging gegen den Vater eines Säuglings, den er misshandelte und schliesslich zu Tode schüttelte.
Die Wogen gehen wie gewohnt hoch, es geht um ein wehrloses Baby, das nicht richtig gepflegt wurde. Hier kommt also erst mal das Thema Wehrlosigkeit gepaart mit schlechter Pflege zusammen an einem konkreten Beispiel. Die Leserbriefschreiber würden den Mann am liebesten lynchen oder für immer verwahren, einer wollte sogar sterlisieren (damit der nie mehr Kinder macht). Aehnlich emotional würden die Leute reagieren, wenn es um die Misshandlung und anschliessende Tötung eines Haustieres gegangen wäre. Auch hier Wehrlosigkeit und mangelnde Pflege.
Dass die Geschichte aber schon sehr viel weiter hinten beginnt, das will niemand sehen. Der Vater war arbeitslos und schlecht ausgebildet, er war selber ein Adoptivkind aus Afrika, also schwarz. Er hatte wahrscheinlich selber von der Umwelt nicht viel Positives mitgekriegt. Und er ist schliesslich hier aufgewachsen (als das kleine Negerlein). Es wäre wohl schmerzhaft für die Gesellschaft, sich auch damit auseinanderzusetzen, wie jemand so werden konnte. Ausserdem wird das gleiche Mitleid keinesfalls auf die vielen Migrantenkinder angewendet, die hier ein trauriges Leben fristen müssen, weil von der Gesellschaft marginalisiert. Oder sogar die vielen Kinder von abgewiesenen Flüchtlingen, die hier in diesem Land irgendwo dahinvegetieren, ohne Zukunft und Hoffnung, die Eltern erhalten nur Nothilfe, denn sie sollen ja das Land verlassen. Diese Kinder sind auch wehrlos und schlecht versorgt! Aber diese Nothilfe, die Streichung von Sozialhilfe, die Wegweisungen und was sonst noch alles erfunden wurde, um unerwünschten Menschen das Leben schwerzumachen, das wurde alles vom Volk so abgesegnet, meist gegen den Willen der Regierung. Was für eine heuchlerische Gesellschaft.
sirano - 24. Feb, 23:02
Gegenwärtig lässt sich das Thema nicht vermeiden, wenn man in einer deutschen Firma angestellt ist: Der Steuerskandal oder wie auch immer man das nennen mag, was da in Liechtenstein an Stiftungen hervorkam.
Wir Schweizer haben ja viel tiefere Steuern zu zahlen, und der Grund dafür ist die Konkurrenz unter den Gemeinden/Kantonen. Hier spielt sozusagen der Markt. Ein tiefer Steuersatz ist ein Standortvorteil, der gern hervorgehoben wird, die Abschaffung gewisser Steuern wie z.B. der Erbschaftssteuer wird als Errungenschaft angesehen. Generell misstraut der Schweizer den Behörden und dem Staat, obwohl diese wahrscheinlich auf der ganzen Welt nicht besser funktionieren wie hier, ausserdem sind sie relativ frei von Korruption.
Deshalb verstehen wir Schweizer auch die Deutschen, die private Stiftungen im Ausland schaffen für ihr Geld, das sie sonst in Deutschland zu horrend hohen Sätzen Jahr für Jahr versteuern müssten. Viele von uns würden das auch so machen. Und viele denken, dass der Ansatz der Regierung der falsche ist. Wo bleibt denn nun das viele viele Geld, was der Staat einnimmt? Wieso sind die Kassen trotz hohen Steuern leer? Ist es nicht mal bedenkenswert, die Steuern zu senken und so die Wirtschaft anzukurbeln? Die Reichen sind mobil und flexibel, sie gehen immer dorthin, wo es ihnen besser geht, ist doch völlig logisch. Wieso versteht das die Regierung denn nicht? Ein Boris Becker oder ein Michael Schuhmacher hätten sich blöd und dämlich gezahlt, wenn sie in Deutschland geblieben wären. Ist das nun gut oder schlecht? Klar sollen die Reichen mehr zahlen als der Mittelstand, aber nicht so viel, dass es schmerzt.
Man darf nie vergessen, dass es einem Land nur gutgeht, wenn die Reichen ihr Geld zu investieren bereit sind! Wenn sie es nur für sich ausgeben und das Geld nicht arbeiten lassen, dann passiert eben das, was in den meisten Drittweltländern der Fall ist: Die Bevölkerung hat nichts davon und darbt, obendrauf hocken dann die Superreichen, denen es an nichts mangelt. Deshalb muss man die Reichen auch pflegen. Eine Debatte über dieses Thema vermisse ich bisher.
Aus der Sicht einer gutsituierten Person stellt sich die folgende Frage: Was bekomme ich eigentlich für mein Geld? Wenn ich jetzt keine Kinder habe (und also von der staatlichen Bildung nicht profitiere), dann habe ich doch die Feuerwehr und Polizei für den Notfall, die öffentlichen Spitäler, funktionsfähige Strassen und eine Behörde, die mir innert nützlicher Frist einen Pass ausstellt, wenn ich das brauche. Das ist also das, was ich etwa vom Staat brauche und bekommen. Nun, wieviel ist so eine Dienstleistung denn wert? 20% des Einkommens oder mehr, und wieviel auf dem Vermögen? Wohl kaum, da könnte ja ein Privater billiger arbeiten.
Diese Ueberlegungen sollten sich die deutschen Politiker mal machen, statt mit dem Finger auf Länder zu zeigen, die Steuervehikel anbieten.
Klar, Schweden und so weiter sind noch teurer. Aber sie bieten auch mehr. Diese skandinavischen Länder kümmern sich praktisch um alles, wenn man das gern hat, dann bitte sehr. Das kostet zwar sehr viel Geld, aber man bekommt ja auch was dafür.
Deutschland allerdings scheint nicht so attraktiv zu sein. Natürlich ist es ein relativ sicheres, sauberes Land, aber das sind wir auch, das kann man also auch billiger haben. Und die Integration der Ex DDR? Ja, das war natürlich teuer, aber irgendwie ineffizient, wie man mit Blick auf die neuen Bundesländer sagen muss. Man kann auch Geld zum Fenster rauswerfen, und wenn dann nichts mehr da ist, dann kann man neues Geld via Steuern einfordern. Oder man kann mal etwas sparsamer und sinnvoller mit dem Geld umgehen.
Das ist meines Erachtens das, was in Deutschland fehlt.
sirano - 17. Feb, 21:26
Bei der Arbeit kann durchaus ein versteckter Krieg in Gang sein. Ich rede jetzt mal nicht von Mobbing, sondern von ehrgeizigen Kollegen, die alles niederzumähen versuchen, was ihnen in der Sonne steht.
Nun habe ich mich schon mal geäussert zu einem solchen Kollegen, der grad drei Sachen gleichzeitig machen will, warum wohl, um sich zu spüren, um Bestätigung zu haben? Eine Dissertation, ein MBA im Ausland und eine Projektleitung in einem anderen Land als das MBA, wo bleibt da der Spass am Leben? Dass man so was überhaupt in Erwägung ziehen kann und auch als Arbeitgeber nicht die Notbremse zieht... na ja, mir ists egal, ist nicht mein Leben.
Derjenige, der mir jetzt das Leben schwer macht, ist schon mit Leib und Seele in der einen Aufgabe verhaftet, die man ihm gegeben hat. Das ist an und für sich schön und macht ihn zuverlässlich. Trotzdem finde ich den krankhaften Ehrgeiz nicht nachvollziehbar. Woher kommt dieses Verhalten, was ist das Ziel, was der Grund? Erstens setzt er sich selber enorm unter Druck, er will Erfolg haben. Aber ohne Bedenken setzt er dabei auch andere unter Druck, von denen er abhängt. Er macht sich keine Gedanken, ob er die Arbeitskraft der anderen verschleisst oder verschwendet, weil sie wegen nicht ausgedachten Gedanken die gleiche mühsame Arbeit vielleicht mehrmals machen müssen. Er setzt meetings an auch in Randstunden oder sogar in die Mittagspause (da allerdings hatte er keinen Erfolg, bei aller Hierarchiegläubigkeit der Leute), und er macht sich nicht die Mühe, zu checken, ob vielleicht die eingeladenen Personen zur gleichen Zeit noch ein anderes meeting haben. Er kommt zuerst, alles andere interessiert ihn nicht.
Und wenn jemand ein dringendes Problem aufgezeigt hat und er das nicht realisiert und die andere Person, ein Teammitglied (!) sich also an die Lösung macht, dann springt er auf den fahrenden Zug auf, stellt die Weiche anders (in diesem Fall auch ins Abseits, weil wenig durchdacht) und macht detaillierte Pläne, wo fast noch die Pinkelpause fehlt, nur weil eigentlich die Arbeit getan ist und er der Sache aber noch einen eigenen Anstrich geben will. Schlussendlich hat er alles erfolgreich an sich gerissen und kann sich dann im fremden Erfolg sonnen.
Ausserdem steht dieser Person noch ein Kontrolltick im Weg. Vertrauen geben ist nicht möglich, man muss alles selber kontrollieren und noch besser: selber machen. Nur ist man dann jeden Tag bis in alle Nacht im Büro, weil das eben nicht geht (genau dafür sind ja auch Teams konzipiert). Man kann also sagen: Nicht sehr teamfähig, kein guter Leiter.
Aber wehe, er ist mal auf diese Kollegen, auf denen er rumtrampelt, angewiesen! Dann kommt die Quittung unweigerlich. Dieses Verhalten ist also enorm kurzsichtig und für mich deshalb auch nicht nachvollziehbar. Ich verstehe nicht, wie man meinen kann, mit so einem miesen Verhalten durchzukommen.
Und wozu? Daheim warten Frau und Kinder, die nur einmal in diesem Alter sind, aus dem sie schnell rauswachsen werden (jedoch macht er auf Quality time, mit einmal pro Woche gemeinsames Frühstück und so). Hat sich das noch nicht rumgesprochen, dass die Zeit, die verrinnt, nie mehr wiederkommt? Das wir nicht so tun sollen, als würde alles immer so bleiben? Ein Unfall, eine Krankheit von irgendwem, und plötzlich ist alles anders, das Kartenhaus auf Basis dieses krankhaften Ehrgeizes eingestürzt.
Die Triebfeder zu diesem Verhalten ist mir nicht klar. Ich kann es einfach nicht nachvollziehen. Vielleicht später.
sirano - 12. Feb, 07:41
Wenn ich letzte Woche meinte, das Land, welches mir am meisten zu denken gäbe, sei Italien, da habe ich eine ganz schön kurzsichtige Sicht gehabt. Unterdessen war ich nämlich im Kino und hab mir den neuesten Marc Forster Film The Kite Runner angesehen.
Ueber die Geschichte kann man geteilter Meinung sein, manche Handlungen haben mich nicht überzeugt, dass z.B. der schüchterne Junge einen anderen derart reinlegt, dass es glaubhaft danach aussieht, als hätte dieser gestohlen. Oder derjenige Rassist, der seinen Freund aus purer Boshaftigkeit vergewaltigte, das passte einfach nicht.
Was aber sehr glaubhaft dargestellt war, waren Figuren, die auch in schwierigen Situationen aufstehen, sich wehren, sich auch vor andere stellen, die nicht schweigen und den Mut haben, zu kämpfen, wie eben dieser Freund, der dann dafür vergewaltigt wurde. Aber auch der Vater, der als Flüchtling eigentlich darauf angewiesen war, dass ein junger russischer Soldat ihn und die anderen über die Grenze lässt, der wehrt sich dafür, dass der freche Soldat meinte, er könne die Notsituation der anderen ausnützen und sich eine junge Frau rauspicken für sein Vergnügen. Der Vater steht auf, beschimpft ihn, bedroht ihn, schlussendlich lässt der Russe von der Gruppe ab. Der Vater hatte sich für eine ihm unbekannte Frau gewehrt, weil es selbstverständlich war und unrecht, was der andere sich anmasste. Ach, wenn es nur mehr solche Leute auf der Welt gäbe, es gäbe weniger Unrecht zu erleiden für die Menschheit.
Aber das Beeindruckenste an diesem Film waren nicht diese starken Figuren, sondern die Taliban. Ich hatte gehört davon, genug gelesen, ich kanns gar nicht mehr lesen, immer das Gleiche. Aber nun hat man mal einen Film vor sich, wo das Leben unter den Taliban gezeigt wird. Und man erstarrt. Bildlich konnte man sich das gar nicht vorstellen. Man wusste, dass alles, was Freude machte, verboten wurde, man wusste, dass diese Fanatiker keine Gottesliebhaber waren, sondern extreme Machtmenschen, aber diese Patroullien durch die Stadt, diese enorme Gewalt (man sieht eine Steinigung, viel schlimmer anzusehen als die Vergewaltigung), diese unendliche Menschenverachtung. Diese krassen Szenen haben mich noch im Schlaf verfolgt, und ich fragte mich, wie hält ein Mensch so was aus? Es ist gut, dass die Amis diese Kerle rausgeschmissen haben, aber sie kommen ja wieder, wie ist denn das möglich? Das ist schlimmer als jede Seuche. Ich kann nicht mal der Religion die Schuld geben, wie ich es gern zu machen pflege, das und diese extreme Auslegung des Korans, die Anwendung der Scharia ohne Gnade und Barmherzigkeit, ohne Verzeihen und Verständnis, das geht über jede Vorstellungskraft hinaus. Welches Schicksal haben diese Leute erlebt, die so unbarmherzig geworden sind? Die sind doch alle krank, diese Taliban, aber wie kann es soweit kommen?
Ich war sehr betroffen. Ich hab für einmal keine Erklärung in meinem sonst so logischen Weltbild. Deshalb schweige ich nun. Ich gedenke der Opfer in tiefstem Mitleid.
sirano - 3. Feb, 23:37